Wer kennt das nicht: Endlich haben wir ein ersehntes Ziel erreicht, es scheint, im Leben stimmt alles und wir können uns gemütlich zurücklehnen. Doch was ist das? Kaum haben wir es uns nur ansatzweise auf dem Sofa des Lebens bequem gemacht, klopft ein kleineres oder grösseres Problem an die Tür. Wir versuchen, mit aller Kraft die Tür noch so gut wie es geht zuzudrücken, aber so sehr wir uns auch bemühen, das Problem tritt ein mit dreckigen Schuhen und setzt sich ganz unverhohlen zu uns aufs Sofa. So sehr wir uns auch die Hände vor die Augen halten, sobald wir einen erneuten Blick wagen, stellen wir fest: das Problem ist da und wird nicht so einfach wieder durch die Tür verschwinden.
Nun ist es doch so: Eigentlich ist nicht die Tatsache, dass das Problem ungefragt durch die Tür spaziert, die grösste Schwierigkeit. Vielmehr ist es die Annahme, dass wir es verdient haben, in unserem Leben wunderbare Ziele zu erreichen, die wir dann auf immer halten und uns ein Leben lang darauf ausruhen können. Wir alle wissen aber aus ganz persönlicher Erfahrung: So ist es eben nicht! Genau so sieht es auch der Schriftsteller und Unternehmer Rolf Dobelli. Er meint: „Unser Leben ist ständigen Turbulenzen unterworfen, wir kämpfen mit allen möglichen Seitenwinden und unvorhergesehenen Wetterkapriolen. Trotzdem agieren wir wie naive Schönwetterpiloten: Wir überschätzen die Rolle des Setup und unterschätzen systematisch die Rolle des Korrigierens.“ Gemäss Dobelli kommt es „(…) nicht so sehr auf den Start an, sondern auf das Korrigieren nach dem Abheben. Das gute Leben gelingt nur durch ständiges Nachjustieren.“ Sein Fazit ist: „Wir müssen das Stigma ablegen, das mit dem Korrigieren verbunden ist. Wer frühzeitig korrigiert, hat einen Vorteil vor jenen, die lange am perfekten Setup basteln und vergebens darauf hoffen, dass ihr Plan aufgeht.“
Mein Fazit ist: Auf den ersten Blick wirkt diese Sichtweise zwar unbequem, zwingt sie uns doch zu stetigem Korrigieren und Anpassen. Auf den zweiten Blick verbirgt sich jedoch eine unglaubliche Chance darin: Nicht unsere Ausgangsbedingung oder einmal Erreichtes oder Verlorenes bestimmen unser Sein. Wir haben die Möglichkeit, jeder Zeit nachzujustieren.

Annina Singer

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