Von Bryan Bachmann

Als Sportlehrer an ein­er Sekun­darschule wird man nicht sel­ten diesem The­ma aus­ge­set­zt. Schü­lerin­nen und Schüler «schum­meln» und «betrü­gen». Als ich ein­mal in ein­er Sport­stunde die Klasse eine Form des «Alle gegen Alle» spie­len liess, wurde so auf­fal­l­end unehrlich gespielt, dass ich das Spiel abbrechen musste, auch weil die Stim­mung immer frus­tri­ert­er wurde. Jed­er beschuldigte jeden, unfair zu spie­len, während dabei sel­ber nicht annäh­ernd ehrlich gespielt wurde. Auf meine Rück­mel­dung, dass ich etwas schock­iert sei, wie unehrlich gespielt werde, streck­te ein Schüler auf und sagte: «Herr Bach­mann, that’s life!»

Ich war im ersten Moment ziem­lich kon­stern­iert und wusste nicht gle­ich eine Antwort darauf. Ist es wirk­lich so? Bin ich alt­modisch? Lege ich zu viel Wert darauf?

Immer häu­figer erlebe ich jedoch solche Sit­u­a­tio­nen und ich nerve mich stets!

Zurzeit erleben wir ja ger­ade eine Hoch­sai­son des Schum­melns: Die Fuss­ball-WM 2018. Und dies ist ja nur der Abschluss ein­er lan­gen Sai­son, in der wir immer wieder Szenen gezeigt bekom­men haben, welche haarsträubend die Unehrlichkeit an den Tag gebracht haben. Ich weiss, dies ist nichts Neues, kalter Kaf­fee! In dem Moment als mir der erwäh­nte Schüler jedoch den Satz «that’s life» an den Kopf warf, wurde mir die Trag­weite des täglichen «Schum­melns» im Sport ziem­lich tragisch aufgezeigt.

In der heuti­gen Gesellschaft wird dies offen­bar je länger je mehr als «nor­mal» oder «Kava­liers­de­likt» ange­se­hen. Fällt ein Fuss­baller im Strafraum ohne Kon­takt seines Geg­n­ers und bekommt den Straf­s­toss, wird er als «clever» beze­ich­net. Wird ein Spiel­er am Trikot zu Boden gezo­gen, lautet die Analyse: Das macht ja jed­er! Und Disku­tieren gehört zur Tage­sor­d­nung, obwohl gefühlte hun­dert Kam­eras die Szenen bere­its aus allen Winkeln analysiert haben.

In einem Inter­view mit «Fuss­ball Bild» hat der Fuss­bal­lkom­men­ta­tor Markus Höh­n­er eine Antwort gegeben, die mir aus dem Herzen spricht. Auf die Frage: Was stört sie am heuti­gen Fußball? Antwortete er: „Dass es trotz Videoschied­srichter immer wieder Ungerechtigkeit­en gibt. Und: Auch wenn manch­er über diese The­sen schmun­zeln mag, ich sehe die Vor­bild­funk­tion in Gefahr. Die muss weit­er charak­ter­stark vorgelebt wer­den. Der Werte­trans­port ist wichtig. Zum Beispiel die Aktion von Mar­win Hitz, als er 2015 vor dem Straf­s­toß den Elfme­ter­punkt mal­trätiert hat. (Dies passierte übri­gens an der FIFA Fuss­ball-WM 2018 Kolumbi­en gegen Eng­land erneut!) Wieso wurde der für so grob unsportlich­es Ver­hal­ten nicht nachträglich bestraft? Damit jed­er sieht, dass mogeln und bescheißen nicht zum Sport gehört. Das ist vor allem wichtig für die Kids, die das schauen. Sowas ärg­ert mich. Da sind auch wir Kom­men­ta­toren in der Pflicht: Ein durch eine Schwalbe ergaunert­er Elfme­ter sollte nie ‚geschickt raus­ge­holt‘ sein.“

THAT SHOULD BE LIFE! Auch wenn es manch­mal unwichtig erscheinen mag, glaube ich zwar, dass Schum­meln lei­der zum Leben gehört, aber nicht «das Leben ist». Und wir kön­nen und soll­ten uns klar davon dis­tanzieren. Am Beispiel Fuss­ball ver­passt es die FIFA Mal für Mal ein Exem­pel zu sta­tu­ieren. Jet­zt hat man heute so gute Kam­er­aauf­nah­men, und kaum je wird ein Spiel­er nachträglich zur Rechen­schaft gezo­gen, wie es im Eishock­ey regelmäs­sig geschieht. Kein Wun­der wird diese Hal­tung tagtäglich in den Schulen weitergelebt.

Und da bin ich mit Her­rn Höh­n­er ein­er Mei­n­ung, wenn er sagt: «…..ich sehe die Vor­bild­funk­tion in Gefahr. Die muss weit­er charak­ter­stark vorgelebt wer­den. Der Werte­trans­port ist wichtig.»

Und somit antworte ich auf die Bemerkung meines Schülers: «Wenn Du das so siehst, macht es mich zwar trau­rig. Gle­ichzeit­ig bestärkt es mich aber in der Überzeu­gung, dass ich meinen Kindern möglichst ein anderes Bild vorzuleben versuche.»

Bildquelle: Focus Online