Von Hans-Peter Hofer

Bei einem Besuch im Brock­en­haus ent­deck­te ich sie zufäl­lig, diese Uhr. Tief unten in einem Gestell, umlagert von Krim­skrams stand eine Kamin­uhr, ver­staubt, mit ver­bo­ge­nen Zeigern. Trotz der widri­gen Umstände ver­suchte die Uhr schein­bar, ihren let­zten Rest von Würde zu wahren. Als ich mich zur Uhr bück­te, ver­nahm ich eine Art Hil­fer­uf. Ich fühlte mich zwar von der Uhr ange­sprochen, doch auf­grund ihres kläglichen Zus­tandes liess ich sie ste­hen.
In den fol­gen­den Tagen ging mir aber die Uhr nicht aus dem Sinn. Ich war mir sich­er, sie hat­te ihre Chance ver­di­ent. Ich ging hin, trug sie zur Kasse, die Verkäuferin sagte mit einem leicht spöt­tis­chen Lächeln: ‚Diese Uhr kön­nen sie für wenig Geld haben, sie funk­tion­iert nicht mehr‘. Zuhause angekom­men, unter­suchte ich die Uhr näher. Dabei stellte ich fest, dass neb­st anderen Män­geln auch das Pen­del fehlte. Ohne Pen­del funk­tion­iert gar nichts! Dieses ist neb­st dem Vor­wärt­sim­puls auch zuständig für die Gangge­nauigkeit ein­er Uhr.
Etwas ent­mutigt sah ich mir das Uhrw­erk noch genauer an und ent­deck­te auf der Pla­tine ein Marken­ze­ichen ‚Gus­tav Beck­er‘. Neugierig gewor­den, informierte mich Google darüber, dass Gus­tav Beck­er um 1850 ein her­vor­ra­gen­der Uhrma­cher­meis­ter war. In seinem Uhrengeschäft beschäftigte er eine kleine Anzahl von Angestell­ten, darunter auch einige Schu­la­bgänger, die er neben­bei in den Grund­la­gen des Uhrma­cher­handw­erks unter­richtete. Sein Traum, mit seinem Geschäft in grössere Räum­lichkeit­en umzuziehen, erfüllte sich schliesslich mit Unter­stützung der Behör­den. Dies unter der Auflage, 80 Jugendliche aus armen Fam­i­lien im Uhrma­cher­handw­erk zu unter­richt­en. Auf­grund sein­er Bere­itschaft erhielt er die drin­gend benötigten Mit­tel und Maschi­nen.
Die Uhrw­erke aus der Fab­rik von Gus­tav Beck­er zeich­neten sich in Tech­nik und Mate­r­i­al durch beson­ders hohe Qual­ität aus.
Fasziniert von dieser Geschichte, brachte ich die Uhr zu einem erfahre­nen Uhrma­ch­er, der im Auf­trag der IV junge Men­schen mit beson­deren Bedürfnis­sen in der Uhrma­cherei aus­bildet. Ein Ler­nen­der, der die nötige Geduld, Zeit und Sorgfalt hat­te, nahm sich mein­er angeschla­ge­nen Uhr an. Es brauchte seine Zeit, doch als ich die Uhr nach eini­gen Monat­en abholen kon­nte, staunte ich erfreut. Die Spuren der Ver­gan­gen­heit waren zwar sicht­bar geblieben, aber ihr Inneres war wieder­belebt, glänzte, tick­te und der Uhrschlag klang richtig melodisch. Die aus­sicht­slose Uhr war zu neuem Leben erweckt! Der stolze Blick des Ler­nen­den, über die gelun­gene Reparatur, die er unter Anleitung seines Lehrmeis­ters aus­führte, sprach Bände. Auch Gus­tav Beck­er selig hat­te ihm eine ein­drück­liche Lek­tion der Uhrma­cherkun­st erteilt. Sorgfältig trug ich die Uhr nach Hause, wo sie nun einen Ehren­platz hat. Sie ist zuver­läs­sig, läuft minuten­ge­nau. Ihr Tick­en ist zum Herz­schlag des Haus­es gewor­den, ihr klin­gen­der Halb­stun­den­schlag erin­nert täglich an den Fluss der Zeit und ihre Vergänglichkeit. Vor Allem aber macht mich die Uhr darauf aufmerk­sam, dass sich Geduld und Aufwand lohnen, dass es auch in fast hoff­nungslosen Sit­u­a­tio­nen noch Lösun­gen geben kann.
Das Uhrw­erk Men­sch ist noch viel kom­plex­er. Auch Men­schen, die aus dem Takt ger­at­en sind, oder deren Triebfed­er ermüdet ist, haben Anspruch auf einen geduldigen und erfahre­nen Uhrma­cher­meis­ter, der sie wieder in Schwung und zum Klin­gen bringt.